Im Wallis geschriebene Werke

Es ist die Zeit einer Vollendung, zu der die Walliser Landschaft das ihrige beitrug.

„so, wie ich es erlebe, scheint mir das Wallis nicht allein eine der herrlichsten Landschaften, die ich je gesehen habe –, sondern auch in großartiger Weise fähig, dem Ausdruck unserer inneren Welt vielfältige Äquivalente und Entsprechungen anzubieten […].“

An Xaver von Moos, 2. März 1922

In der Zeit zwischen dem 7. und dem 26. Februar 1922 wird Rilke von einem schöpferischen Elan ohnegleichen erfasst. Innerhalb weniger Tage schreibt der Dichter vier neue Elegien und vollendet zwei weitere. Es werden am Ende zehn Duineser Elegien sein. Parallel dazu entsteht – zwischen dem 2. und dem 23. Februar, ein aus 55 Gedichten bestehender Zyklus, der den Elegien an Bedeutung kaum nachsteht: Die Sonette an Orpheus. Beide Werke erscheinen erst 1923.

Genug, es ist da.
Ich bin hinausgegangen, in den kalten Mondschein und habe das kleine Muzot gestreichelt wie ein großes Tier –, die alten Mauern, die mir’s gewährt haben. Und das zerstörte Duino.
Das Ganze soll heißen:
Die Duineser Elegien.
Man wird sich an den Namen gewöhnen. Denk ich.

Rilke an seinen Verleger Anton Kippenberg, 9. Februar 1922

Alles in ein paar Tagen, es war ein namenloser Sturm, ein Orkan im Geist (wie Damals auf Duino), alles, was Faser in mir ist und Geweb, hat gekracht, – an Essen war nie zu denken, Gott weiß, wer mich genährt hat.
Aber nun i s t s. Ist. Ist.
Amen.

Rilke an Marie von Thurn und Taxis, 11. Februar 1922

Endlich! Die „Elegien“ sind da. […] Lieber Freund, jetzt erst werd ich athmen und, gefaßt, an Handliches gehen. Denn dieses war überlebensgroß –, ich habe gestöhnt in diesen Tagen und Nächten, wie damals in Duino, – aber, selbst nach jenem Ringen dort –, ich habe nicht gewußt, daß ein solcher Sturm aus Geist und Herz über einen kommen kann! Daß man’s übersteht! Daß man’s übersteht.

Rilke an Anton Kippenberg, 9. Februar 1922

In der Zeit vom 12. bis 15. Februar 1922, also mitten in der Arbeit an den Elegien und Sonetten, schreibt Rilke auch den „Brief des jungen Arbeiters“, hervorgegangen aus einer Prosaskizze „Erinnerungen an Verhaeren“, den belgischen Dichter, mit dem Rilke befreundet war.


Die Duineser Elegien

Aus der Neunten Elegie:

Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm
kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig
ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,
als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.
Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser,
wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt,
dient als ein Ding, oder stirbt in ein Ding –, und jenseits
selig der Geige entgeht. – Und diese, von Hingang
lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,
traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu.
Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandeln
in – o unendlich – in uns! Wer wir am Ende auch seien.


Die Sonette an Orpheus

In Muzot ordnet Rilke seine Korrespondenz und schreibt in diesem Zusammenhang an eine Münchner Freundin, Gertrud Ouckama Knoop, deren Tochter Wera, tänzerisch und musikalisch begabt, mit 19 Jahren an Leukämie verstorben war. Rilke bittet die Mutter, ihm einen Gegenstand zu senden, der Wera teuer war. Gertrud Ouckama Knoop schickt ihm hierauf Aufzeichnungen, die sie über Krankheit und Tod ihrer Tochter gemacht hat. Die Lektüre dieser Seiten wird zu einem wichtigen Auslöser für die Entstehung der „Sonette an Orpheus“.

[…] in einigen unmittelbar ergriffenen Tagen, da ich eigentlich meinte, an anderes heranzugehen, sind mir diese Sonette geschenkt worden.
Sie werden beim ersten Einblick verstehen, wieso Sie die Erste sein müssen, sie zu besitzen. Denn, so aufgelöst der Bezug auch ist (nur ein einziges Sonett, das vorletzte, XXIVe, ruft in diese, ihr gewidmete Erregung Weras eigene Gestalt), er beherrscht und bewegt den Gang des Ganzen und durchdrang immer mehr — wenn auch so heimlich, daß ich ihn nach und nach erst erkannt — diese unaufhaltsame, mich erschütternde Entstehung. […]

An Gertrud Ouckama Knoop, 7. Februar 1922

XXV

Dich aber will ich nun, Dich, die ich kannte
Wie eine Blume, von der ich den Namen nicht weiß,
noch ein Mal erinnern und ihnen zeigen, Entwandte,
schöne Gespielin des unüberwindlichen Schrei’s.

Tänzerin erst, die plötzlich, den Körper voll Zögern,
anhielt, als göß man ihr Jungsein in Erz;
trauernd und lauschend –. Da, von den hohen Vermögern
fiel ihr Musik in das veränderte Herz.

Nah war die Krankheit. Schon von den Schatten bemächtigt,
drängte verdunkelt das Blut, doch, wie flüchtig verdächtigt,
trieb es in seinen natürlichen Frühling hervor.

Wieder und wieder, von Dunkel und Sturz unterbrochen,
glänzte es irdisch. Bis es nach schrecklichem Pochen
trat in das trostlos offene Tor.


Les Quatrains Valaisans und Vergers (1924), Les Roses, Les Fenêtres (1927 erschienen)

Gedichte in einer „langue prêtée“, einer geliehenen Sprache

In diesen nach dem Sturm der „Duineser Elegien“ und dem Nachsturm der „Sonette an Orpheus“ enstandenen Zyklen hat man lange nicht mehr als ein reizvolles, schwereloses Sprachspiel, bukolische Landschaftslyrik, eine Art beruhigtes Atemholen sehen wollen. Das ist indes nur ein Teilaspekt, ebenso die Dankbarkeit gegenüber dem Land, das die Vollendung der Elegien und Sonette ‚ermöglicht‘ hatte. Rilke hatte schon immer einen tiefreichenden und bestimmenden Bezug zur Umgebung. In mehreren Sprachen hat er sich versucht, andere gelesen oder aus ihnen übersetzt. Zur Aneignung des Räumlichen und Sichtbaren, zur Beschäftigung mit der stets fortwirkenden Vergangenheit tritt als Bindeglied, als Mittel und Mittlerin der Einswerdung, die Sprache hinzu, in diesem Fall das Französische, das die Landschaft Wallis wie die Rhone mit Frankreich (und damit auch mit Paris und der Vorkriegszeit) – für Rilke ‚wiederanheilend‘ – verbindet. Mit der ‚neuen‘ Sprache, deren Verwendung etwas Spielerisches und Verjüngendes hat, erobert der Dichter zugleich poetisches und motivliches Neuland.

Einige Beispiele

Les Quatrains Valaisans

VI
Pays silencieux dont les prophètes se taisent,
pays qui prépare son vin;
où les collines sentent encore la Genèse
et ne craignent pas la fin!
[…]
Pays dont les eaux sont presque les seules nouvelles,
toutes ces eaux qui se donnent,
mettant partout la clarté de leurs voyelles
entre tes dures consonnes.

XXXI

Chemins qui ne mènent nulle part
entre deux prés,
que l’on dirait avec art
de leur but détournés,

chemins qui souvent n’ont
devant eux rien d’autre en face
que le pur espace
et la saison.

Vergers

XVIII
Eau qui se presse, qui court –, eau oublieuse
que la  distraite terre boit,
hésite un petit instant dans ma main creuse,
souviens-toi!

Clair et rapide amour, indifférence,
presque absence qui court,
entre ton trop d’arrivée et ton trop de partance
tremble un peu de séjour.

Les Fenêtres

III
N’es-tu pas notre géométrie,
fenêtre, très simple forme
qui sans effort circonscris
notre vie énorme?

Celle qu’on aime n’est jamais plus belle
que lorsqu’on la voit apparaître
encadrée de toi; c’est, ô fenêtre,
que tu la rends presque éternelle.

Tous les hasards sont abolis. L’être
se tient au milieu de l’amour,
avec ce peu d’espace autour
dont on est maître.


Rilke als Übersetzer

Nachdem die Elegien abgeschlossen waren, konzentriert sich Rilke sowohl auf seine französischen Gedichte wie auch auf die Übersetzung von Valéry. Rilke fühlt sich mit Frankreich verbunden und hat immer betont, wie wichtig für ihn Valérys Dichtung ist. Er bewundert ihn sehr, die genaue Konzeption seiner Gedichte und seine raffinierte Sinnlichkeit. Seine Übersetzungen sind unübertroffen. 1921 übersetzt er das Gedicht „Le cimetière marin“. Zwischen 1921 und 1923 übersetzt er 23 Gedichte aus „Charmes“, die 1925 unter dem Titel „Paul Valéry, Gedichte“ erscheinen. 1924 und 1926 folgen die Übersetzung der Prosadialoge „Eupalinos ou l’Architecte“ und „L’âme et la danse“ und zwischen dem 15. und dem 27. Oktober 1926 „Tante Berthe“. Rilke schätzte seine deutsche Übersetzung Valérys Gedichte höher ein als seine eigene französische Dichtung. Valéry konnte Rilkes deutsche Texte nicht lesen und veröffentlichte im November 1924 einige „échantillons modestes“ einige bescheidene Proben seiner französische Dichtung in der Zeitschrift „Commerce“.

In der Zeit von 1921 bis 1926 wurde Rilke zu einem großen Bewunderer, Freund und Übersetzer von Gedichtbänden und Prosadialogen des französischen Dichters Paul Valéry. Monique Saint-Hélier äußerte sich dazu wie folgt:

„Niemand auf der Welt dürfte Valéry tiefer geliebt und gewürdigt haben als Rilke. ‚Ich war allein, ich wartete, mein ganzes Werk wartete. Eines Tages las ich Valéry, da wusste ich, dass mein Warten zu Ende war.‘ Rilke hat diesem Werk alles abgewonnen, Gold, Weihrauch und Myrrhe, er hat sich mit Liebe, Geduld und Zartsinn darüber gebeugt. In der Stille von Muzot, in den faltenlosen Stunden dieses Walliser Turms, wurden Valérys Verse auf der Waage einer Zeit gewogen, die nicht irrt, einer Stille, die nicht trügt. Mit engelgleicheren Händen und berauschterer Seele hat keiner je in Valérys Seiten geblättert, und niemand hat ihm unumschränkter zugestimmt. Nein, Rilke hat Valérys Gedichte nicht übertragen – seine Liebe ging darüber hinaus –, er wandte diesem Werk einen so lebensvollen Willen zu, dass es neu erstand. Hier ging es nicht um Übertragung, sondern um Osmose, um Bluttransfusion.“

Monique Saint-Hélier: à Rilke pour Noël. Bern 1927.
(Übersetzung: C. Ebneter)