Kassner und Rilke

Annäherungen: Kassner und Rilke

Kassner und Rilke begegneten sich zum ersten Mal in Wien (November 1907), dann in Paris (Mai bis Juli, Oktober / November 1910), dann wiederholt in Duino bei Triest, wo sie beide bei der Fürstin Marie von Thurn und Taxis zu Gast waren (Herbst 1911, April 1912, April / Mai 1914), dann in München (März 1914 und immer wieder während des ganzen Weltkriegs).

Kassner hörte 1899 in Wien zum ersten Mal von Rilke, zu dem Zeitpunkt, wo sich dieser anschickte, nach Russland zu reisen. Zur ersten Begegnung kam es erst 1907 nach einer Rilke-Lesung. Die beiden Österreicher trafen sich in Kassners damaliger Wohnung in Hietzing bei Wien. 1910 sahen sie sich in Paris wieder, in einem nicht gerade komfortablen Haus der Rue Touiller, unweit der Sorbonne. Sie fuhren zusammen nach Meudon, um Rodin zu besuchen, bewunderten die Ballets russes und die Tanzkunst Nijinskis, auch trafen sie sich täglich „zu einer Tasse Kamillentee“ im Café de la Paix. (Eugène de Courten, 1974)

Kassner wird sich nach Duino bei Triest begeben, als Gast im Schloss der Fürstin von Thurn und Taxis. Rilke verbringt dort den Winter 1911/12 allein. In diesem Schloss entstehen 1912 die beiden ersten Elegien und der Anfang der dritten. Er wird sie Kassner und der Fürstin vorlesen, die ihn in seinem Zimmer aufsuchen.

Im April und Mai 1914 sind Kassner und Rilke gemeinsam in Duino, wo noch „Hochsaison“ herrscht. Doch bald bricht der Krieg aus, und die Gäste entschwinden nach allen Richtungen. Trotz der Kriegswirren bleiben die beiden Schriftsteller in brieflichem Austausch und sehen sich bald in München, bald in Wien. Sie setzen ihre Tätigkeit fort und schicken sich ihre Werke zu, soweit sie noch entstehen und gedruckt werden können.

Es ist kaum möglich, die beiden Schriftsteller mit ihren unterschiedlichen Werdegängen zu vergleichen, fest steht aber, dass sie sich wechselseitig anregten und in gegenseitigem Verstehen miteinander verbunden waren. Während der eine persönlich gefärbte „Physiognomik“ entwarf, die der psychologischen Analyse antiker Autoren (insbesondere Platons) und moderner Autoren diente, und in einem halb christlichen, halb östlichen Denken philosophische Thesen entwickelte, in denen Intuition und Mystik eine wesentliche Rolle spielen, widmete sich Rilke der Vielfalt seiner Dichtung, in der mythische Helden ebenso vorkommen wie große Mystiker/innen und große Liebende.

Beinahe zufällig haben sich ihre Wege auch in Sierre gekreuzt. Zunächst Anfang August 1923, als Kassner Rilke im Schlösschen Muzot besuchte, dann 1946, als sich Kassner zwanzig Jahre nach Rilkes Tod in Sierre niederließ, wo er bis ans Ende seiner Tage bleiben sollte. Die Landschaft des Wallis hat beide unmittelbar berührt. Davon sprechen gelegentliche Äußerungen Kassners, legen bei Rilke vor allem die Gedichte mit Walliser Motiven und seine Briefe aus der zweiten Hälfte des Jahres 1921 Zeugnis ab.

Trotz beträchtlicher Unterschiede in Herkunft und Milieu repräsentierten Kassner und Rilke verwandte gesellschaftliche Erscheinungsformen. Zwar der Bildungshintergrund bei Kassner von beinah enzyklopädischer, universaler Breite, während sich Rilke eher eklektisch vertiefend gab. Beide aber hatten ein umgreifendes Interesse für Kunst und Weltliteratur: Kassner und Rilke sind als Übersetzer von besonderen Gnaden hervorgetreten, und in den Übersetzungen von Werken André Gides haben sie sich getroffen.

Die Parallelen zwischen Kassner und Rilke stoßen indes an Grenzen. Von Kassner besitzen wir neben brieflichen Äußerungen über Rilke und Bemerkungen in den Gesprächen mit Alphons Clemens Kensik eine kontinuierliche Folge von Rilke-Studien und –Bildnissen, die von einem Zehnerrhythmus beherrscht wird: 1926 – 1935 – 1946 – 1956. Rilke hingegen hat über Kassner nur fragmentarisch gesprochen, in Briefen, in Zitatform, durch das Medium der Zueignung und indem er aus Werken des Freundes vorlas.

Kassner wurde dreimal für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen. Rilke wurde dafür nie in Betracht gezogen, obschon er – ungeachtet seines zum Teil als schwierig geltenden Spätwerks – weit „populärer“ war als der Denker Rudolf Kassner. Rilke schrieb über seinen Freund bereits im Jahr 1911:

„Ist dieser Mensch, sag ich mir, nicht vielleicht der Wichtigste von uns allen Schreibenden und Aussprechenden, der zu so reinen Sätzen gekommen ist, der jetzt schon sicher scheint vor den falschen Wünschen und Verwechslungen, aus denen wir immer wieder Scheinkräfte ziehen, die uns erschöpfen.“

Plakat der Ausstellung Annäherungen / Rilke und Kassner, 1987